„DIGITAL NATIVES“ FORDERN UNS HERAUS


 

 

 

 

Wie vermitteln wir unseren Kindern von Anfang an einen verantwortungsvollen Umgang mit Handy & Co.? Ein Erfahrungsbericht

 

 

Vor einem Jahr sind wir in unser neues Haus gezogen und haben uns bewusst dagegen entschieden, einen Fernseher ins Wohnzimmer zu stellen. Das Ziel: weniger Versuchung durch die Medien für uns, aber vor allem für unsere Kinder. Die Erkenntnis: Was ist schon ein Fernseher, wenn es Smartphones und Laptops gibt … Uns wurde schnell klar: Der Fernseher ist überhaupt nicht das Problem, Smartphone und Laptop dagegen schon.

 

„Digital natives“ wachsen heran

Wie selbstverständlich sitzt unser fast dreijähriger Sohn am Smartphone, wischt von Foto zu Foto oder zeigt seinem Opa, wie man eine Sprachnachricht auf Whats-App verschickt. Jetzt ist es nicht so, dass er uneingeschränkten oder gar unbeaufsichtigten Zugang zu unseren Smartphones hätte, aber die intuitive und einfache Bedienung ermöglicht schnelles Lernen. Was Mama und Papa vormachen, wird schonungslos imitiert. Das gilt neben manch achtloser Wortwahl auch für die Nutzung digitaler Medien. Und wir benutzen Handy und Laptop für eine ganze Menge: um mit Freunden und Familie zu kommunizieren, Termine zu führen, E-Mails zu checken, Fotos und Videos zu machen, Musik abzuspielen und vieles mehr.

Als “digital natives” wächst die Generation unserer Kinder wie selbstverständlich mit digitalen Medien von Handy bis Smart-Home-Assistenten auf. Hin und wieder wird die Mediennutzung komplett verteufelt.

 

Doch wir denken, es gibt Schlimmeres, als in Sekunden an uneingeschränktes Wissen zu kommen oder Opa von den ersten Fahrradfahrversuchen ohne Stützräder zu berichten. Trotzdem müssen wir uns als Eltern immer wieder fragen: Was dürfen unsere Kinder? Für wie lange? Und ab welchem Alter?

 

Überforderung für Familien?

Im Gespräch mit anderen Familien war ein Gefühl dominierend: Das Thema Smartphone stellt zunächst eine Überforderung dar. Kein Wunder, gibt es für den Umgang damit ja keinen Vergleich mit früher. Das erste iPhone kam tatsächlich erst 2007 auf den Markt – gerade mal elf Jahre ist das her. Unsere Elterngeneration kann uns also nicht dabei helfen, unsere Fragen zu beantworten. Und auch wir selbst wissen ja nicht, wie es ist, mit dieser großen Selbstverständlichkeit von Medien aufzuwachsen. In der achten Klasse, mit damals 13 Jahren, bekamen wir jeweils unser erstes Handy (mit Antenne!). Damit konnte man Snake spielen und musste zum SMS-Verschicken noch die Buchstaben zählen, damit nicht eine weitere Nachricht berechnet wurde. So begrenzte sich die Kommunikation automatisch.

 

Große Bandbreite an Regeln

In diesem Bereich sind wir nun besonders gefordert. Und die Regelungen sind von Familie zu Familie bezüglich Nutzungsdauer und Inhalt sehr unterschiedlich. Sie reichen vom Verbot bis zur ersten Klasse über Wochenend-Regelungen bis hin zu völlig freiem Umgang für eine bestimmte Zeit pro Tag. Bei Kleinkindern mit größeren Geschwisterkindern können Apps mit eingebauter Kindersicherung helfen. Anrufe, E-Mail und Internet sind dann tabu.

 

Unsere aktuelle Regelung besteht darin, dass unser Sohn zehn Minuten nach dem Mittagessen die Puppentrickserie “Kleiner roter Traktor” anschauen darf. Das gilt auch bei längeren Autofahrten. Hin und wieder, jedoch ohne feste Regel, darf er Fotos und Videos von uns auf dem Handy anschauen. Dann wird der Wecker eingestellt und wenn dieser klingelt, ist die Zeit vorbei. Das klappt meist gut, aber wir merken auch, wie hoch die Anziehung für ihn ist.

Nicht allein lassen

Wichtig ist uns, dass unsere Kinder einen verantwortungsbewussten Umgang mit Medien erleben und erlernen. Ziel ist es, sie langsam und Stück für Stück heranzuführen. Man lässt sein Kind ja auch nicht am ersten Kindergartentag alleine laufen. Das fängt damit an, dass wir das, was unser Sohn schaut, auch selbst kennen. So können wir mit ihm danach darüber reden und helfen ihm bei der Verarbeitung. Bei unseren Nachbarskindern, zwei Mädchen mit zehn und zwölf Jahren, ist aktuell die Musikapp „musical.ly“ total im Trend. Dabei können Playbackvideos mit allen möglichen Effekten erstellt und auf ein Profil hochgeladen werden. Das Problem: Durch die Veröffentlichung schauen nicht nur Freunde und Bekannte zu. Hier, wie auch bei anderen Social-Media-Plattformen, müssen wir eine Sensibilität und ein kritisches Bewusstsein für die Wirkung und Folgen fördern.

 

Zeitfresser und Kommunikationskiller

Eine Gefahr besteht auch darin, dass das persönliche Gespräch und der regelmäßige Austausch weniger werden – die digitalen Medien sind Zeitfresser und Kommunikationskiller. Als Lehrerin an einer Berufsschule habe ich in den Pausen oft kleine Gruppen zwar zusammenstehen sehen, doch hatte jeder sein Handy in der Hand. Miteinander zu sprechen war dabei eher zweitrangig. Genau aus diesem Grund lohnt sich die Debatte um eine sensible Handynutzung an Schulen.

 

Kontrolle oder Vertrauen?

Auch zu Hause verziehen sich besonders gerne die Teenies mit Smartphone & Co. in ihr Zimmer. Hier stellt sich für uns die Frage, wie sehr die Kontrolle für eine angemessene Nutzung der Medien im Gegensatz zum Vertrauen stehen kann, das wir unseren Kindern schenken wollen. Wir denken, wenn die Regeln klar sind und auch eingehalten werden, kann man Vertrauen haben und muss sich nicht ständig Sorgen machen. Es hilft, darüber immer wieder im Gespräch zu bleiben und zu versuchen, den Sinn einer Zeitbegrenzung zu vermitteln. Wir haben die Erfahrung gemacht: Einfach wegnehmen hilft nicht viel und das Geschrei ist umso größer.

 

Vorbild sein

Es gab eine Zeit, in der das Handy von unserem Sohn sofort verlangt wurde, sobald es einer von uns in der Hand hatte. Es war fast unmöglich, Fotos oder Videos von ihm zu machen, ohne dass am Ende ein “Ich will es anschauen” mitgefilmt wurde. Das hat sich mittlerweile wieder gelegt, aber uns selbst vor Augen geführt, wie oft wir tatsächlich ganz selbstverständlich unser Smartphone nutzen. Wir haben den Spiegel vorgehalten bekommen und uns gefragt: Wie wollen wir, dass unser Sohn ein Smartphone nutzt? Und so müssen wir auch mit gutem Beispiel voran gehen. Studien zeigen, dass die Verhaltensmuster und Nutzungsweisen der Eltern die Kinder stark beeinflussen. Wie in vielen Erziehungsfragen gilt auch hier, dass das gelebte Verhalten wichtiger ist als Worte und Regeln. Wir haben unser eigenes Verhalten reflektiert und sind immer wieder dabei zu schauen, ob das noch passt. So sind Handys am Tisch tabu und am besten auf lautlos gestellt, sie haben für die Feierabendzeit einen festen Ablageplatz und kommen (meist) nicht mit ins Schlafzimmer. Und wenn wir mitten in einem Spiel sind, darf das Handy auch einfach mal klingeln, ohne dass es abgenommen wird. Mit den unterschiedlichen Altersstufen unserer Kinder ist uns auch klar, dass sich die Regeln immer wieder verändern müssen. Wir sind gespannt, welche Herausforderungen da noch auf uns warten!

 

 

Tipps zur Begrenzung der Internetnutzung

Apple und Google bieten ab diesem Jahr die Möglichkeit,auf Betriebssystemebene die Handynutzung zu begrenzen.

 

Links:

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3