EIN LEBENSBUCH ERSTELLEN


 

 

 

 

„Lebensroman“ – was heißt das? Das ist ein Ausdruck, der sich so eingebürgert hat. Das ging aus von der Überlegung: Wie der heutige Mensch ist, trägt er eine Unsumme von Eindrücken in sich, teils im Ober, teils im Unterbewussten, die nicht verarbeitet sind. Jetzt die Idee: Wir müssen in allem nach einer Integrierung der Persönlichkeit ringen. Jetzt kommt stärker die Persönlichkeit, (ihre) Entwicklung, in Frage. Integrierung nach unten: Bis ins unterbewusste Seelenleben müssen wir geklärt und gereinigt werden.

 

Das ganze Leben noch einmal nachkosten

Und wie vollzieht sich dieser Lebensroman, (diese) Lebensgeschichte? Das ganze Leben von Kindheit an noch einmal nach oben holen … Es dreht sich lediglich darum, das ganze Leben noch einmal nachzukosten. Zunächst muss ich primär darauf hinarbeiten, nachzuprüfen, wie der liebe Gott sich uns gegenüber als Vater erwiesen; also das Gute, was uns geschenkt, die guten Anlagen, die in uns lebendig waren. Freilich kommt das dann von selber, dass auch die Verirrungen unseres Lebens, unsere Erbärmlichkeiten, wieder nach oben kommen … Und wenn Sie selber ein wenig Sinn haben für psychologische Zusammenhänge, können Sie sich vorstellen, was das gewöhnlich für eine gewaltige Entspannung gibt.

vgl. J. Kentenich 04.02.1963

 

Mich selber annehmen und erobern

Wir müssen ein angeklebtes und das ursprüngliche Ich unterscheiden. Das ursprüngliche Ich möchte ich mit dem kleinen Moses im Binsenkörbchen vergleichen. Unser urwüchsiges, urtümliches Ich, so, ja gerade so, wie das der liebe Gott in uns grundgelegt und verwirklicht wissen will, das ist verzweifelt unscheinbar klein, das sitzt unten im unbewussten Seelenleben wie in einem kleinen Binsenkörbchen. Was in uns lebt, was von uns ausgeht, auch dann, wenn wir erwachsen sind, das ist eigentlich viel weniger dieses Ich als ein geheimnisvolles Es. Ich kann nicht einmal sagen: ein geheimnisvolles Du – es ist ein Es. Es ist das angeklebte Ich. Und mit diesem künstlich angeklebten Ich verzichten wir auf die sprudelnde naturrechtliche Quelle schöpferischer Kräfte. Nicht umsonst beklagt man den Mangel an Originalitäten im heutigen christlichen Leben. Wir wollen unser wirkliches Ich erobern!

 

J. Kentenich 12.12.1966

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3