DIE SEELE BEFREIEN


 

 

 

 

Verarbeiten, was wir bisher unterdrückt haben

Die moderne Psychologie sagt uns, dass der Mensch auf die Dauer all die Eindrücke, die er in sich aufnimmt, nicht verarbeiten kann … Das heutige Leben hat uns heutigen Menschen riesig viele Eindrücke in das Herz hineingeworfen, und wir werden gewöhnlich nicht damit fertig. Sehen Sie, da machen wir dann vielfach aus der Not eine Tugend. Ich darf ein Bild gebrauchen. Dann gehen wir hin und drehen den Kran (Wasserhahn) zu. Verstehen Sie, was das heißt? Ich kann die Eindrücke einfach nicht mehr aufnehmen, ich drehe zu. Dann werde ich aber roh. Und das ist heute ein Meisterstück, für sich selbst, also in der Selbsterziehung, und in der Fremderziehung dafür zu sorgen, dass die Menschen die inneren Eindrücke verarbeiten …

 

 

Auf den Boden stampfen und klagen

Es ist von Bedeutung, dass wir lernen, auch in unserem Affektleben Gott gegenüber stärker zum Ausdruck zu bringen, was das Gemüt drückt. Ist es denn nicht viel besser, … sich vor den lieben Gott hinzustellen und auf den Boden zu stampfen? Der nimmt das nicht übel. Sehen Sie, der schaut in das Herz. Das gibt ein kindliches Schreien, und das kindliche Schreien ist der höchste Akt der Kindlichkeit. Auch ein kindliches Sich-Beklagen … Wenn ich das fertig brächte, auch in meinem Affektleben mich zu entspannen Gott gegenüber, brauche ich nicht so viel zu schimpfen bei Menschen. Bei Gott ist das nicht schlimm. Der spürt ja auch die edle Gesinnung heraus, die dahintersteckt.

Und auf der anderen Seite müssen Sie auch nicht meinen, Sie wären alle von Stahl und Eisen. Das geht nicht, das sind wir eben nicht. Eine Zeitlang kann ich das herunterschlucken, aber es kommt bei uns allen einmal die Zeit, da heißt es: Entweder ich zerbreche jetzt, oder ich mache den Kran (Wasserhahn) wieder neu auf und lasse fließen. Da muss nur jemand sein, der die Flüssigkeit aufnimmt. Und Gott nimmt die gerne auf. Wir müssen bloß den Mut haben, wieder einfältig Gott gegenüber zu werden. Das heißt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“ (Mt 18,3).

 

J. Kentenich 1952

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3