MEIN LEBEN – MEINE GESCHICHTE MIT GOTT


 

 

 

 

 

Einen „Lebensroman“ schreiben – wie geht das und welchen Gewinn habe ich davon?

 

 

Pater Josef Kentenich hat in den 60er Jahren, als er in Milwaukee war, das Thema „Autobiographische Arbeit“ mit anderen Priestern besprochen. Es war ein wichtiges Thema für ihn. Und auch wir können von seiner Methode der Lebensbetrachtung und -verarbeitung profitieren.

 

Warum autobiographisch arbeiten?

Die Spiritualität Schönstatts lädt ein, einen Weg der Heilung, einen Weg der Heiligung zu gehen. Dieser Weg ist gleichzeitig ein persönlicher, psychologischer, seelischer und spiritueller Weg. Autobiographische Arbeit, in der Form eines Lebensbuchs, ist ein Versuch, diesen Weg schriftlich zu beschreiben, so dass wir etwas weiter im persönlichen Prozess der Heiligung und Heilung fortschreiten können.

 

Voraussetzungen für autobiographische Arbeit

Die Voraussetzung für autobiographische Arbeit ist, dass wir Zeit, Stille und die not­wendige Reife haben. Normalerweise brau­chen wir auch die Begleitung durch einen Gesprächspartner, etwa den Ehepartner oder einen geistlichen Begleiter bezie­hungsweise eine geistliche Begleiterin. Es ist gut, sich klarzumachen, dass autobio­graphische Arbeit einen bewussten Anfang braucht, eine intensive Zeit des Einstiegs, aber dass diese Arbeit eigentlich nie fertig ist und immer weiter geht – lebenslang! Autobiographische Arbeit braucht auch einen Ort mit einer religiösen Atmosphäre, damit ich in Gott sein kann. Es ist außer­dem zu empfehlen, dass ich, wenn ich mei­nen Lebensroman zu schreiben beginne, dafür ein Journal habe, und dass dieses Journal privat ist und nur für mich. Um die Autobiographische Arbeit zu begin­nen, sollte ich in den Geist des Gebetes kommen und offen sein für die Wirkung des Heiligen Geists in meinem Leben. Vielleicht mit einem persönlichen Gebet zu meiner eigenen Geschichte.

 

Einzelne Schritte gehen

Als ersten Schritt sind wir eingeladen, in Gott im Gebet zu verweilen und zuzu­hören. Zuhören ohne Bewertung, damit wir uns selber begegnen können. Es geht darum zu entdecken, was im Moment in meiner Seele lebt. Ich bin eingeladen, in der Stille mein Selbst wahrzunehmen.

 

Als zweiten Schritt sind wir eingeladen, aufzuschreiben, was in unserer Seele leben­dig ist. Wenn Sie können, malen Sie ein Schaubild mit den wichtigsten Erfahrungen, die ihre Seele im Moment durchlebt. Solche wichtigen Erfahrungen Ihres Lebens könnten sein: Gotteserfahrungen, schöne Momente, Erlebnisse in der Familie, Leiderfahrungen, Ihre Arbeit, mögliche Wachstumsmomente, falsche Entscheidungen und so weiter.

 

Josef Kentenich schlägt vor, dass wir außer­dem über drei verschiedene sogenannte Spiegel nachdenken: „Welchen Sinn sollen die Spiegel haben? Die Seele fähig zu machen, (…) eine Orientierung ins Leben mit hinaus zu nehmen, die hilft, gewöhnlich sogar genügt, um die eigene Persönlichkeit bis zur Vollreife zur Entwicklung zu bringen. Welche Spiegel sind das? Nun, Sie ahnen, es wird sich dann wohl um die gesamte Persönlichkeit han­deln, nämlich einen ‚Gesundheitsspiegel‘, einen ‚Charakterspiegel‘ und einen ‚Vollkommenheitsspiegel‘. Josef Kentenich führt zudem eine wichtige und vielleicht unge­wöhnliche Frage ein, nämlich diese: „Gibt es nicht gemachte Erfahrungen in meinem Leben, die ich nachholen sollte?“

 

Die Methode Josef Kentenichs: Nachkosten

Neben dem Zuhören, dem Wahrnehmen und Aufschreiben sind wir eingeladen, die Methode Josef Kentenichs anzuwen­den, nämlich das Leben nachzukosten. Das Leben nachkosten in Beziehung zu Gott mit der Frage, was Gott mir dadurch sagen möchte. „Es dreht sich lediglich darum, das ganze Leben noch einmal nachzukosten. So sind später die Formulierungen entstanden: ‚Schwimmen‘. Worin schwimmen? Im Erbarmungsmeer – aber auch im Erbärmlichkeitsmeer – im Erbarmungsmeer Gottes von Kindheit an“, sagt Josef Kentenich. Das Leben in Gott nachzukosten ist eine Einladung, wie die Kühe das Leben wiederzukäuen: Die schönen Erlebnisse aufzunehmen und die schwierigen und leidvollen zu verarbeiten und zu integrieren. Das tun wir, indem wir eine bestimmte Erfahrung annehmen, wahrnehmen und dann an Gott abge­ben. Die Erfahrung des Annehmens und Abgebens ermöglicht es uns, mit der Zeit innere Freiheit zu erlangen und zu erle­ben, wie Gott in unserer Lebensgeschichte gewirkt hat – und hoffentlich zu merken, wie wir die Barmherzigkeit Gottes erleben durften.

 

Mitteilen, Sprechen und Besprechen

Das Lebensbuch wird nie fertig sein. Dennoch sind wir nach einer ersten Phase des Schreibens und der Verarbeitung ein­geladen, mit Gott und mit einem anderen Menschen über unser Lebensbuch zu spre­chen und daraus etwas mitzuteilen. Der Austausch mit einer konkreten Person hilft uns, zur Integrierung und Heilung unserer Persönlichkeit zu kommen. Eine reiche Erfahrung ist es, wenn Ehepaare einander aus ihrem Lebensbuch erzählen können. Das verlangt Vertrauen zueinander!

 

Frieden mit dem eigenen Leben schließen – für andere

Autobiographische Arbeit kann uns helfen, in Heiligkeit und Heilung zu wachsen. Sie bringt die Hoffnung mit sich, dass wir mit dem eigenen Leben abschließen können, so dass wir mehr Kraft für andere Menschen aufbringen können. Denn, je mehr wir Frieden geschlossen haben mit unserem Leben, desto freier sind wir für die Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3