VERSÖHNT MIT DER VERGANGENHEIT



 

 

 

 

 

Vor einigen Monaten war ich sehr über­rascht über die Anfrage meiner Tante, ob sie meine Mailadresse an einen alten Bekannten meiner verstorbenen Mutter weitergeben dürfe. Ich war einverstanden und erhielt wenige Tage später die Mail eines Mannes, der zwei Jahre lang nach unserer Familie gesucht und zuerst meine Tante und dann mich gefunden hatte. Er hatte meiner Mutter vor über 50 Jahren einmal sehr nahegestanden und sie seit­dem nie wiedergesehen. Die Beziehung war auseinandergegangen und beide hatten jemand anderen geheiratet. Sie hatte mir vor ihrem Tod noch von diesem Mann erzählt und ich konnte damals spüren, dass er sehr wichtig gewesen ist für sie.

 

Beim Umzug in eine kleinere Wohnung war diesem Mann ein Fotoalbum in die Hände gefallen, das meine Mutter ihm geschenkt hatte. Die Gedanken an meine Mutter und was damals geschehen ist, dass diese besondere Beziehung auseinander­brach, vielleicht auch Gedanken darüber, was hätte sein können – all das hat ihn wie­der eingeholt und er hat sich auf die Suche gemacht. Leider hat er meine Mutter nicht mehr angetroffen, aber zwischen uns hat sich ein sehr schöner Austausch entwickelt, der mir unter anderem geholfen hat, meine Lebensgeschichte mit meiner Mutter noch einmal aufzuarbeiten. Schließlich kam er eines nachmittags zu Besuch. Er brachte das Album mit und zeigte mir Fotos, die mir ganz neue Facetten meiner Mutter offen­barten. Ich konnte ihm auch viele Fotos zeigen und ihm sehr offen von unserer Familie erzählen. Es ging ihm sehr nahe – und auch mir, denn ich spürte den Schmerz, der immer noch da war. Ich glaube aber, dass trotzdem letztlich alles gut war, so wie es war – auch wenn meine Mutter es nicht leicht gehabt hatte in ihrem späte­ren Leben.

 

Immerhin: Wäre alles anders gekommen, würde es mich und meine Geschwister nicht geben. Während unseres Gesprächs spürte ich, dass sich auch in mir etwas versöhnte und gerade richtete.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3