BEGEGNUNG MIT MEINER SEELE


 

 

 

 

 

Lebensroman – das klang für mich romantisch und interessant. „Meinen Lebensroman“ selbst zu verfassen, das wäre ein Traum! Doch wo die Zeit dafür hernehmen? Im Rahmen von Exerzitien habe ich schließlich damit begonnen.

 

 

Ich nahm mir die „Auszeit“. Mein Körper und meine Seele durften für ein paar Tage zur Ruhe kommen. Es ging jetzt einzig und allein um mich – und um Gottes Wirken in meinem Leben. Das war wirklich eine himmlische Erfahrung hier auf Erden. Ich habe zunächst verschiedene Aspekte mei­nes bisherigen Lebens in den Blick genom­men. Neu daran war für mich, dass hier nicht meine Ratio gefragt war, keine geisti­ge Anstrengung erwartet wurde, sondern dass es darum ging, die Schwingungen meiner Seele, ihre Resonanz auf die Anregungen, wahrzunehmen. Dafür war die beste Voraussetzung die Stille.

 

Meine Seelenlandschaft entdecken und heilen lassen

Für mich war es hilfreich, dass verschie­dene Körperhaltungen die Betrachtung erleichtern, also meine innere Haltung durch die äußere Haltung verstärkt wird beziehungsweise die äußere Haltung meine innere Verfasstheit im wahrsten Sinne des Wortes „zum Ausdruck“ bringt. Ich hatte viel Zeit, in die Stille zu gehen, aktiv meiner Seele zuzuhören und dabei alle Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, die in mir aufstiegen, zuzulassen.

 

Das ging nun nicht gerade chronologisch zu. Mir wurde schnell klar, dass es bei die­ser Methode nicht in erster Linie darum ging, entsprechend der Lebensdaten und äußeren Entwicklung Aufzeichnungen zu machen, sondern es mehr um die Entdeckung und Heilung meiner inneren Seelenlandschaft ging. Es zeigten sich mir Licht-und Schattenseiten.

 

„Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“

Zum Beispiel war es schön, mich an meine Vorbereitung auf die erste Hl. Kommunion durch meine Mutter zu erinnern. Sie hat mir ihre tiefe Liebe zu Jesus ins Herz gelegt. Das erfüllte mich mit großer Dankbarkeit.

 

Ein Gefühl der Ohnmacht und Überforderung tauchte auf im Zusammenhang mit unserer Tochter. Sogar Schuldgefühle ihr gegenüber wurden mir bewusst wegen eines Konflikts, der schon viele Jahre zurück lag. Mein Erleben war intensiver als gewöhnlich. „Himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt“, alles durfte emotional aufbrechen. Ich wusste, dass am Ende eines dunklen Tales das Licht kommen würde. So fühlte ich mich immer gesichert.

 

Schwimmen im „Erbarmungsmeer Gottes“

Mir wurde auch die Erfahrung geschenkt, im „Erbarmungsmeer Gottes zu schwim­men“, wie Pater Kentenich sich manchmal ausdrückte. Auch meine Träume machten mich auf verborgene Emotionen aufmerk­sam. Sie wurden zu den Aufzeichnungen meiner Gedanken hinzugefügt. Zum Ausgleich überließ ich mich auch gerne dem absichtslosen Malen oder ging spazieren. Am erschütterndsten war für mich zu erkennen und zu spüren, dass ich bisher in meinem Leben Gott so wenig vertraute und zutraute. Mein Verstand meinte zu vertrauen, aber wirklich tief innen war ich der Regisseur und benutzte Gott als Helfer für meine Pläne. Das tat wirklich weh. Ich weinte über meine Dummheit und mei­nen Hochmut, der mir das Leben so viel schwerer machte, als es hätte sein müssen. Das Gedicht von Pater Kentenich fiel mir dazu ein: „Bis jetzt hab‘ ich am Steuer selbst gesessen, und dich im Lebensschiff so oft vergessen. An dich gewandt mich hilflos dann und wann, damit das Schifflein fuhr nach meinem Plan.“

 

Der Vater hat das Steuer in der Hand

Es war eine blitzartige Erkenntnis: „Wie gut hat der Himmlische Vater doch mein Leben geführt. Wie viele Menschen hat er mir geschickt, die mir seine Liebe und Treue erfahrbar machten, die mir beson­ders in seelischen Nöten beistanden. Wie wenig habe ich das bisher verstanden. Immer ging ich mit Sorgen um die Zukunft beladen durchs Leben, als müsste ich alles alleine schaffen. Was für ein Herkules woll­te ich sein, wollte „selber machen“, wie die kleinen zwei-bis dreijährigen Kinder. Es tat so weh und trotzdem gut, zu spüren, dass ich ganz „am Boden“ lag. Diese Last konnte ich unters Kreuz legen. Ich brauchte sie nicht mehr zu tragen. Eine Gewissheit war mir geschenkt worden: „Der Vater hat das Steuer in der Hand … weil seine Liebe immer für mich wacht.“

 

„Du, Vater, sorgst für mich und die Meinen, besser als ich es vermag.“ Dieses Gefühl brachte meine Seele in eine tiefe Ruhe und Dankbarkeit. Seither erneuere ich jeden Tag dieses Vertrauen. Wenn ich mich trotzdem wieder überlastet fühle und mir Sorgen mache, taucht schnell der Satz auf: „Du, Vater, hast das Steuer in der Hand.“ Und es geht mir gleich besser.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3