DIE WIEDERENTDECKUNG EINES ALTEN WERTES


 

 

 

 

Der Begriff „Heimat“ war lange als spießig verschrien – in unserer globalisierten Welt ist er aktueller denn je.

 

 

Der Musiker und Songwriter André Fuckert hat eine „Westerwald Ballade“ komponiert, die von Westerwälder Chören gern in ihren Konzerten gesungen wird. Darin heißt es unter anderem: „Ein langer Urlaub am Strand, ich lieg’ im schneeweißen Sand, vor mir leuchtet das tiefblaue Meer. Ich geb’ zu, mir gefällt diese andere Welt. Doch wie Heimat sie zu lieben ist recht schwer … Da ist ein Platz in meinem Herzen, der wird ein Leben lang dort sein, so warm und hell wie tausend Kerzen, und er bewahrt für mich das kleine Wort ‚daheim’.“ Der Sänger kennt und schätzt also beides: die erreichbaren Traumurlaubsziele im global village und die Heimat.

 

In der Fremde das Eigene finden

Für viele Arbeitsplatznomaden gehört ein mehrjähriger Auslandseinsatz zur wichtigen Stufe auf der Karriereleiter. Schüler leben für ein Schuljahr in einer Gastfamilie im Ausland, wenn es sich die Eltern leisten können. Die EU fördert Auslandssemester für Studenten und Auslandszeiten für Lehrlinge mit Extra-Förderprogrammen. Nach den ersten stolpernden und unsicheren Schritten im fremden Land wächst im Laufe der Zeit die Souveränität. Doch das Entwicklungsziel ist nicht der „charakterlose und heimatlose Geselle“, der alle Fäden zu seiner Vergangenheit gekappt hat – sondern aus der Ferne lernt man das Eigene neu zu schätzen.

 

So auch der Militärgeistliche Hermann Iseke aus dem thüringischen Eichsfeld. Er meldete sich im Jahr 1900 für das deutsche Expeditionskorps und nahm als einziger katholischer Militärpfarrer an der sogenannten „Ostasien-Expedition“ in das Kaiserreich China teil. Anschließend besuchte er die Weststaaten Nordamerikas. 1905 ging er als Feldgeistlicher zur deutschen Schutztruppe nach Keetmanshoop in Deutsch- Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Er starb 1907 im Feldlazarett in Kalkfontein. In der Ferne schrieb er die Eichsfeldhymne, die heute noch gerne dort gesungen wird. Der sehnsuchtsvolle Ausruf der letzten Strophe „Schlägt meine letzte Stunde, es sei auf Eichsfelds Grunde!“ erfüllte sich nicht für ihn.

 

Der Bochumer Kabarettist Frank Goosen schreibt in seinem Buch „Radio Heimat“: „Wir im Ruhrgebiet laden Auswärtige gern ein, zu uns zu kommen, um ihren Begriff von Schönheit zu erweitern. Eine mittelalterliche Garnisonsstadt mit Stadtmauer, Fachwerkhäusern und Fürstenresidenzen schön finden, das kann jeder. Aber auf dem Gasometer in Oberhausen stehen, sich umgucken und sagen: ‚Wat ‘ne geile Gegend!‘, das muss man wollen. Dafür muss man von hier sein.“

 

Heimat als Sehnsuchtslandschaft

Die drei unterschiedlichen Beispiele illustrieren: „Heimat ist eine Sehnsuchtslandschaft der Gefühle.“ (Heinz Schilling) Der Schriftsteller Jean Amery umschrieb Heimat so: „So wie man die Muttersprache erlernt ohne ihre Grammatik zu kennen, so erfährt man die heimische Umwelt. Muttersprache und Heimatwelt wachsen mit uns, wachsen in uns hinein und werden so zur Vertrautheit, die uns Sicherheit verbürgt.“

 

Inzwischen hat auch die Bundesregierung auf das neue Zeitgeistphänomen reagiert und ein Heimatministerium errichtet. Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt Heimat an Bedeutung und verliert den muffigen Beigeschmack von Enge, Borniertheit und Spießigkeit. Ein interessanter Bedeutungswandel, dem jeder nachspüren kann. In diesem Zusammenhang lässt es aufhorchen, dass Pater Kentenich aus seinen Beobachtungen, was mit den Wallfahrern passiert, wenn sie in der kleinen Kapelle in Schönstatt beten, als eine der typischen Wallfahrtsgnaden die „Gnade der Beheimatung“ herausgefiltert hat. Geborgenheit in Gott – universal möglich, und doch lokal konzentriert und erlebbar. Eine Wallfahrt würde sich lohnen, um dem selbst nachzuspüren!

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4