HEIMAT ALS ORT SEELISCHER ERLEBNISSE


 

 

 

 

Vergegenwärtigen Sie sich selber einmal für einen Augenblick Ihre Heimat. Stellen Sie sich vor, Sie wären im Ausland. Was wird in Ihnen wach, wenn Sie an Ihre Heimat denken? Ein Raum. Ein Ort. Wenn Sie vom Lande sind, vielleicht ein Haus unter Tannen, unter Blumen, markiert durch so und so viel Landbesitz. Wie sieht der Ort aus, wo ich Heimat erlebt habe, wenn ich aus der Stadt bin? Eine ganze Menge seelischer Affekte, seelischer Werte werden in uns wach, wenn wir an unsere Heimat denken. Das ist ja das Originelle an der Heimat: Wir haben am Heimatort seelische Erlebnisse gehabt.

 

Ohne seelische Erlebnisse gibt es keine Heimat oder keine tiefergehende Heimat, keine tiefer erfasste Heimat. Es mag also mein Heimatort, mein Heimathaus in einer öden Gegend liegen; die Heimat spricht zu mir wegen der seelischen Erlebnisse, die ich dort hatte. Mag sein, dass ich im Laufe von Weltreisen ungezählt viele herrliche Plätze erlebt habe, die mich innerlich inspiriert und begeistert haben, und trotzdem sind sie nicht meine Heimat geworden. Wo liegt der Grund dafür? Es mangeln die seelischen Erlebnisse.

 

Wahre Heimat spricht ständig zu uns, nachdem wir zur Heimat gesprochen haben. Während das Heimatbild in mir wach wird, erinnere ich mich an die vielen Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin: an Vater, an Mutter, an Geschwister, an Freunde, an Nachbarn, wer es immer sein mag. Diese Erinnerung weckt in meiner Seele warme Gemütstöne. Da stehen sie vor mir, alle, die mir Liebes getan, auch all diejenigen, die mir weh getan haben, obwohl sie es gut mit mir gemeint haben. Die warmen Gefühlstöne sind also ver-bunden mit dem Heimatbewusstsein, mit dem Heimaterlebnis …

 

Die Grund- und Urform der Heimat und der Beheimatung sollte normalerweise die Familie, die natürliche Familie sein. Hier steigen viele Fragen auf. Ich wende mich jetzt wieder an die Väter und Mütter: Finden meine Kinder in meiner Familie eine Heimat? Ich frage mich als Mann: Hat meine Frau in mir eine Heimat gefunden und umgekehrt? Kennt meine Familie ein seelisches Ineinander, eine Geborgenheit ineinander, Schutz und Sicherheit ineinander?

 

 

J. Kentenich 1951

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4