MELODIE IN UNSERER SEELE


 

 

 

 

Ich könnte mir sogar vorstellen, dass bei vielen von uns gerade während der Ferien ein eigenartiges Heimweh wach geworden ist. Was ist das für ein Heimweh? Das ist vielfach irgendetwas Unbestimmtes, was wir nicht recht zu deuten wissen. Es ist halt so, die gewöhnlichen Alltagssorgen sind weggefallen, Geist und Seele können wacher werden, der Druck der Arbeit ist nicht ständig in uns. Sehen Sie, da werden die Uraffekte der Seele wieder stärker wach.

 

Es gibt eine Legende, die überaus schön wiedergibt, was ich hier sagen möchte. Die Legende erzählt so: Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, da wäre ihnen eine wunderschöne Melodie ins Herz hineingesungen worden. Und diese Melodie, die würde immer auf dem Grund der Seele schlummern und sehr stark das Bedürfnis haben, immer wieder angeschlagen zu werden und neu wach zu werden. Das ist so wie bei einem Saiteninstrument; das braucht man bloß irgendwie anzuschlagen, dann klingt das.

 

Was ist das für ein Lied, das auf dem Grund der Seele schlummert und das immer wieder neu gesungen werden möchte und immer wieder neu erklingen möchte? Das ist das Heimweh nach Gott. Zutiefst steckt dieses Heimweh in uns. Und je älter wir werden, je mehr wir das Begrenzte alles Geschöpflichen wahrnehmen, desto leichter wird diese Melodie in unserer Seele wieder wach: Heimweh nach Gott …

 

Heimweh nach Gott

Nehmen Sie einmal den Sonntag: Die Natur ist still, der Mensch ist sowieso etwas stärker in Ruhe; und dann ein wunderbares Glockenspiel. Das gibt ein feierliches Gefühl. Ja, und was wollen die Glocken, was sollen die Glocken? Die Melodie in unserem Innern anschlagen. Was für eine Melodie ist das? Immer die geheime Sehnsucht nach unserm Herrgott, nach dem Letzten, nach dem Unendlichen. Heimweh, was heißt Heimweh nach Gott? Das setzt eben den stillen Glauben voraus: Wir kommen von Gott, und hier auf der Erde sind wir ja nur Wanderer. Wohin will die Seele wieder? Zu dem Ort, von dem sie ausgegangen ist, zu Gott.

 

Sehen Sie, es ist sehr wertvoll, dass wir in den Ferien dieses Heimweh nach Gott wieder etwas tiefer wahrnehmen. Das ist ein ganz starker, wertvoller Bundesgenosse für unser Gottsuchen. Wir suchen ja Gott; mitten im Alltag wollen wir ihn finden. Wissen Sie, wo dieses Heimweh erstorben ist, da müssen wir immer fürchten, dass wir mit dem Kopf zwar allerlei von Gott wahrnehmen, aber dass das Herz schweigt …

 

Wir sind sehr leicht geneigt, zu sagen: Ja, Ruhe in Gott, wann haben wir die Ruhe in Gott? Nach dem Tode. – Das wäre schlimm, dann wären wir nur nach dem Tode glücklich. Nein, Gott sei Dank kann man das Heimweh nach Gott auch hier auf Erden, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, befriedigen. Das ist allerdings ein Meisterstück. Worin besteht das Meisterstück? Mitten in der Welt leben, im Gewirre der Welt, im Existenzkampf der Welt, und trotzdem immer bei Gott sein. Sehen Sie, das ist das große Programm: Gott in allen Dingen, in allen Menschen, in allen Situationen suchen, finden und lieben.

 

 

J. Kentenich, 01.09.1958

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4