HOTLINE FÜRS HERZ: OMA UND OPA



 

 

 

 

Großeltern springen oft bei der Betreuung der Enkel ein, wenn die Eltern Unterstützung brauchen. Sie schenken Nähe, Verständnis und Sicherheit – auch außerhalb der üblichen „Sprechzeiten“.

 

„Leider sind zur Zeit alle Ansprechpartner besetzt. Der erste frei werdende Mitarbeiter wird sich in Kürze melden. Please hold the line! Bitte bleiben Sie am Apparat.“ – Wenn man die Service-Nummer des Mobilfunkanbieters oder die Redaktion einer Zeitung anruft, kann es durchaus passieren, dass man zunächst diese Ansage hört. Für eine Minute bringe ich ja die Geduld auf, um zu warten – aber wenn

es länger dauert, werde ich gereizt. Ich möchte jetzt Hilfe und Unterstützung für mein Problem! Ich möchte jetzt meinen Kommentar und meine Meinung zu dem Feature abgeben können! Viele Firmen

haben inzwischen begriffen, dass am Service nicht gespart werden darf, will man Kunden halten. Für den Verbraucher ist schneller und kompetenter Service Lebensqualität. Wenn Autokonzerne rund um die Uhr Mobilitätsgarantie anbieten, dann schenkt das Sicherheit.

 

Service fürs Herz

Wie ist das mit dem Service fürs Herz? Bei einer Pfarrgemeinderats-Klausur in einem Bildungshaus kam zwischendurch das dreijährige Kind vom Spielplatz in unseren Konferenzraum und lief zur Mutter. „Was ist denn? Was hast du denn?“, flüsterte die Mutter und nahm ihr Kind in den Arm.

 

Die Kleine sagte: „Ich muss dir unbedingt sagen: Ich hab‘ dich lieb!“ „Ich dich auch“, antwortete die Mutter und strich ihrer Tochter über den Kopf. Zufrieden und entspannt verschwand die Tochter wieder aus dem Konferenzraum. Die ganze Unterbrechung dauerte weniger als eine Minute, aber war für die Kleine und ihr Geborgenheitsgefühl wichtig.

 

Wurzeln für die Seele

Als Priester habe ich über viele Jahre Zeltlager für Jungen zwischen zehn und 14 Jahren durchgeführt, und da gab es immer wieder Probleme mit Heimweh. Manche konnten es überwinden und blieben bis zum Ende, andere mussten von den Eltern abgeholt werden. Bei den Bäumen kennen wir Flachwurzler, wie zum Beispiel die Fichte. Und dann gibt es Pfahlwurzler, wie Eiche, Kiefer, Tanne, Ulme oder Walnuss. Bei der Seele des Menschen ist das eine Kombination von beidem. Zu den Familienangehörigen entwickeln wir, wenn alles gut läuft, Pfahlwurzeln – zu Klassenkameraden oder später Arbeitskollegen und Nachbarn eher Flachwurzeln. Werden wir rausgerissen aus unserer vertrauten Umgebung, dann tut das unseren „Seelen-Wurzeln“ zunächst sehr weh und dann „verwelkt“ unsere Seele.

 

Nähe rund um die Uhr

Es ist nachvollziehbar, dass die Seele dann Pfahlwurzeln wachsen lassen kann, wenn das Angebot von Nähe da ist. Und da sind wir wieder bei der Hotline: Ich bekomme ja meine Probleme nicht zu den Bürozeiten eines Beratungsdienstes zwischen 10 und 18 Uhr, sondern die können zu allen Tag- und Nachtzeiten kommen. Und dann sehne ich mich nach schneller Hilfe. Das gilt für den Säugling wie für den Rentner. Da ist aber in den letzten Jahrzehnten – bedingt durch die Berufstätigkeit beider Eltern – ein Problem aufgetaucht, das es so früher nicht gegeben hat: das Angebot von seelisch-körperlicher Nähe für das Kind und zwar dann, wenn es das Kind braucht. Bei allen Anstrengungen der Politik und der Firmen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern – es bleibt ein Spagat, bei dem sich viele Muskelzerrungen zuziehen.

 

Offene Ohren, Augen und Herzen

Angesichts dieser häufigen Überforderung der Eltern erscheinen die Großeltern im neuen Licht. Sie sind oft diejenigen, die als rüstige Rentner einspringen, wenn das Kind krank ist und nicht in die Kita kann, aber Betreuung braucht. Aber auch sonst haben Großeltern sich im Laufe der Jahre oft eine Abgeklärtheit erworben, die Freiräume im eigenen Herzen ermöglicht. Geist und Herz sind nicht durch eigene Probleme voll besetzt. Und so treffen Bedürfnisse der Enkel nach Nähe, nach Verständnis, nach Trost, nach Mitfreuen, nach Interesse für die eigenen Erfolge auf offene Ohren, Augen und Herzen.

 

Ich bin mir bewusst, dass ich in diesen wenigen Zeilen ein ideales Bild zeichne. Aber es ist gar nicht so selten, wenn ich die Erzählungen von Erwachsenen aus ihrer Kindheit höre. Oma und Opa in erreichbarer Nähe mit einem begegnungsfähigen Herzen – das ermöglicht der Seele des Kindes, Pfahlwurzeln zu bilden. Da sein, wenn das Enkelchen Aus- und Ansprechpartner braucht. Eine solche Hotline schenkt Sicherheit.

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4