BEGLEITE MICH – ICH BRAUCHE DICH



 

 

 

 

Wenn die eigenen Eltern pflegebedürftig werden, stehen die Kinder vor ganz neuen Herausforderungen. Claudia Brehm hat ihre Mutter am Lebensende begleitet und war im Seniorenheim täglich für sie da.

 

 

Achtzig Jahre lebte meine Mutter in ihrem Haus. Als ihr Leben zunehmend schwieri­ger wurde, kamen zwei Tage Tagespflege in der Woche und eine Nachbarschaftshilfe dazu. Nach einem erneuten Sturz und Krankenhaus war klar, dass nun ein Platz im Seniorenheim dran war.

 

Mein Part, dein Part

Der fortschreitende Parkinson machte Hilfe beim Essen notwendig. Die Pfleger im Heim übernahmen das Frühstück und Abendessen, ich das Mittagessen. Zu Beginn war es schon eine große Umstellung, jeden Tag 11:30 Uhr die jeweilige Arbeit oder Veranstaltung zu unterbrechen und ins Heim zu eilen. Mit der Zeit wurde es zur lieben Gewohnheit, eine Möglichkeit für mich, nahe dran zu sein, auch wenn ich meine Mutter nicht im Haus hatte. Der Vorteil: Zeitnah war es möglich, Missverständnisse zu klären, die unweigerlich im Heimalltag auftreten, meine Mutter Nähe und Familie spüren zu lassen und nie das Gefühl haben zu müssen, abgeschoben zu sein. Mir gab es das Gefühl: Alles, was ich konnte, habe ich eingesetzt!

 

Neue Kraft durch Abgeben alter Aufgaben

Weil sie sich um nichts mehr kümmern musste – diese tausend Kleinig- und Großigkeiten, wenn man selbständig wohnt – blühte sie förmlich auf. Ihre wenige noch verbliebene Kraft setzte sie ein, neue Kontakte zu schließen, in verschiedenen Kursen mitzumachen und festzustellen: „Eigentlich habe ich viel mehr Ansprache hier als zu Hause. Man will nicht aus seiner gewohn­ten Umgebung raus, aber man vereinsamt immer mehr, weil man keine Kraft mehr hat, die Bekannten besuchen zu können. Sie sind ja auch so alt wie man selbst und kön­nen auch nicht mehr aus dem Haus.“

 

Klar gibt es im Heim Schwierigkeiten: Doppelabrechnungen, schnell wechselndes Personal, schlampig gerichtete Tabletten, sehr nette, aber auch unsympathische oder unfähige Pfleger und Pflegerinnen. Auch Durchhänger meiner Mutter: „Die sind alle gegen mich!“, die durchgestanden und wieder aufgelöst werden müssen. Aber für uns war es die Lösung. Nah zusammen und trotzdem frei. Ich konnte die Tür zu-machen und danach meinen Tag weiterle­ben. Trotzdem musste ich immer wieder neu lernen: Manches passt mir nicht, aber es geht nicht anders von den Abläufen eines Heimes her. Meine Aufgabe ist es auch, ihnen, die nie ein Lob bekommen, ehrliche Wertschätzung, Dankbarkeit und Achtung entgegenzubringen. Was zu weit geht (weil es die Würde meiner Mutter zu wenig beachtet), muss ich klären, hinstehen und nein sagen lernen.

 

Geschwister: Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Gebieten

Wir Geschwister untereinander hatten nun eine gemeinsame Aufgabe: die Sorge um unsere Mutter. Die Aufteilung kann nie im herkömmlichen Sinne gerecht sein. Wichtig aber, dass jeder sich auf seine Art, mit seinen Fähigkeiten einsetzt. Und wenn es nur ist, bei dem, der die Hauptlast schultert nachzufragen, wie es geht und Wertschätzung und Dankbarkeit zu zeigen für seinen Dienst. Wir lernten einander zuzugestehen, dass jeder eine völlig andere Art, Empfinden und Einschätzung hat, zum Beispiel was „regelmäßige Besuche“ heißt (auch zwei Mal im Jahr ist regelmäßig).

 

Dasein, das Wichtigste überhaupt

Den ständigen Verfall einer geliebten Person hautnah mitzuerleben ist nicht einfach. Da tut es gut, die Gottesmutter nahe neben sich zu wissen. Sie ändert an der bestehenden Situation auch nichts, aber sie hilft damit umzugehen. Mit der Zeit wird alles Drumherum unwichtig. Die Spaziergänge nahmen ab, die Konzertbesuche, die Besuche bei uns zu Hause. Wichtig war nur das Kommen zur gleichen Zeit, die Nähe, das Hand- halten, das Dasein. Das Reden wurde un- deutlicher, verworrener. Zeiten, Orte und Personen wurden durcheinandergebracht. Viel aus der Phantasie hielt Einzug. Gut war, den Faden jeweils weiterzuspinnen – man lernt viel Kreativität dabei – und nicht zu sagen: „Das kann gar nicht sein, du täuschst dich.“ Ich habe einige Zeit gebraucht, um zu akzeptieren, dass sich unser Verhältnis gedreht hat. Sie ist jetzt wie ein Kind, ich muss die Führung übernehmen, aber immer so, dass diesem selbstbestimmten Menschen, er ein schweres Leben sehr authentisch und tief gelebt hat, seine Würde erhalten bleibt. Tun ist nicht mehr wichtig, es ist wie zu Beginn unseres Lebens: Das Sein zählt.

 

Anheimgeben, nicht jammern

Ich habe mit meiner Mutter das große Los gezogen. Alles, was sie abgeben musste: alleine essen, sehen, hören, telefonieren, lesen, hat sie klaglos IHM, ihrem Schöpfer überlassen. Sie nahm an, sie gab sich anheim. Sie hat uns gelehrt, nicht zuletzt durch ihren Sterbetag, an dem wir alle dabei sein durften, Gott zu vertrauen, auch dann wenn‘s schwierig wird. Die Postkarte, die lange an ihrem Schreibtisch hing, bringt es ins Wort: „Mein Gott, ich verstehe dich nicht, aber ich vertraue dir.“

 

Hilfreich: übers Sterben reden

Es war für uns alle hilfreich, dass ich mit meiner Mutter schon lange vor ihrem Sterben über ihren Tod ins Gespräch kam. Zu Beginn ungewohnt, dann aber verlieh es unserer Beziehung mehr Tiefe und Fülle. Wir konnten gemeinsam ihren Auferstehungsgottesdienst vorbereiten, ihre Anzeige, ihre Wünsche hinsichtlich der Beerdigung. Als es soweit war, wussten meine Brüder und ich, wie sie es haben wollte und hatten bei allem die Gewissheit, so gefällt es ihr. So wird diese eigent­lich stressige Zeit zwischen Tod und Beerdigung viel ruhiger und wesentlicher, eben zwischen Himmel und Erde.

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4