SIE HÄTTE DASSELBE FÜR MICH GETAN



 

 

 

 

Einen todkranken Angehörigen zuhause pflegen – ist das nicht eine Überforderung? Anton P. hat seine krebskranke Frau bis zuletzt daheim versorgt und begleitet. Ein Erfahrungsbericht, der Mut macht.  

 

 

Letztes Jahr im September haben meine Frau und ich noch eine längere Radwallfahrt nach Altötting unternommen. Sie war damals topfit und hatte kei­nerlei Anzeichen einer Krankheit. Im Oktober stellte sich dann für uns völlig überraschend heraus, dass sie an Bauchspeicheldrüsenkrebs litt. Ein halbes Jahr später war sie tot.

 

Aus dem Glauben angenommen

Als uns der Arzt mit der Diagnose kon­frontiert hat, war uns beiden sofort klar, was das bedeutet. Wir haben uns keine Illusionen darüber gemacht, dass diese Krankheit höchstwahrscheinlich zum Tod führen wird. Das haben wir beide auch so akzeptiert und aus dem Glauben her­aus angenommen. Die Situation ist dann trotzdem noch schwer, aber die Einstellung dazu ist anders: Man lebt aus der Hoffnung, dass man sich eines Tages wieder trifft.

 

Äußerlichkeiten waren nicht mehr wichtig

Wir wollten die Zeit, die uns noch mitein­ander bleibt, möglichst gut nutzen. Meine Frau hatte keine großen Wünsche mehr. Es ging ihr nicht darum, dass sie noch bestimmte Orte bereisen oder bestimmte Dinge erleben wollte. Äußerlichkeiten waren nicht mehr wichtig, es ging um Innerliches. Wir haben viel miteinander geredet, auch über das Sterben. Ich bin sehr dankbar, dass wir im Lauf unserer Ehe gelernt haben, offen auch über sehr persönliche Themen zu sprechen. Das hat uns in dieser letzten Phase sehr geholfen und uns eine tiefe innere Nähe geschenkt.

 

„Ich bete für Dich mit“

Wir haben auch miteinander gebetet, zum Beispiel den Rosenkranz. Wenn meiner Frau zum Sprechen die Kraft gefehlt hat, habe ich ihr gesagt: „Ich bete für Dich mit.“ Ich wusste, dass sie die Worte dann inner­lich mitspricht und habe sie im Gebet mit­getragen. Das war eine schöne und wichti­ge Erfahrung für uns. Wir haben beide viel Kraft aus dem Glauben bekommen. Das Vertrauen auf Gott hat uns geholfen, unseren Weg miteinander bis zum Tod zu gehen und das zu leben, was wir uns bei der Hochzeit versprochen haben: in guten und in schweren Zeiten füreinander da zu sein.

 

Ohnmacht annehmen

Meine Frau war immer nur tageweise im Krankenhaus. Die meiste Zeit habe ich mich zuhause um sie gekümmert. Zum Schluss stand ihr Pflegebett bei uns im Esszimmer und ein SAPV-Team (Spezialisierte ambu­lante Palliativversorgung) hat dafür gesorgt, dass sie möglichst wenig Schmerzen leidet. Die körperliche Kraft für die Pflege daheim hatte ich. Schlimmer war für mich, wenn ich mich ohnmächtig gefühlt habe, wenn ich ihr helfen wollte und eigentlich nichts tun konnte. In dieser Situation hat mir wieder der Glaube geholfen: Ich mache das, was mir möglich ist – alles andere muss ich annehmen und Gott überlassen.

 

Kraft „von oben“

Für mich war klar, dass ich meiner Frau ein Sterben zuhause, in der vertrauten Umgebung, ermöglichen will und ich bin froh, dass ich ihr diesen Liebesdienst erweisen konnte. Ich weiß, sie hätte dasselbe auch für mich getan. Ich habe die Erfahrung machen dürfen, dass ich jeden Tag die nöti­ge Kraft „von oben“ dafür bekommen habe. Das heißt aber nicht, dass man bei der Pflege nicht auch einmal an seine Grenzen stoßen kann. Dann ist es absolut richtig und wichtig, sich Unterstützung zu suchen und sich helfen zu lassen.

 

Mit Blick auf das Hausheiligtum

Eine große Hilfe war für uns beide in dieser Zeit unser Hausheiligtum. Das ist für uns nicht nur eine Gebetsecke mit religiösen Bildern und Symbolen, sondern eine reale Kraftquelle – ein Ort, an dem wir Gottes Nähe ganz besonders spüren und uns mit dem Himmel verbunden fühlen. Hier konn­ten wir Schweres abgeben und wieder auf­tanken. Das Pflegebett meiner Frau stand so, dass sie das Hausheiligtum im Blick hatte. Sie war in ihrer letzten Lebensphase praktisch immer im Hausheiligtum und ist auch im Hausheiligtum gestorben.

 

„Du darfst gehen“

Auch für meine Kinder und Enkel war es schön, dass meine Frau bis zuletzt zuhause war. Jeder hat sich in Ruhe einzeln von ihr verab­schieden können. Sie konn­te dann wirklich in Frieden sterben. Zuvor haben wir noch gemeinsam alles für ihre Beerdigung vorbereitet. Meine Frau hat die Texte und Lieder selbst ausgewählt und auch das Foto auf ihrem Sterbebild. Zum Schluss habe ich zu ihr gesagt: „Es ist jetzt alles in Ordnung, Du darfst gehen.“ Den Sterbenden los­lassen, das ist für mich ein Ausdruck der Liebe. Das macht es dem Sterbenden leich­ter, sich zu verabschieden und hinüberzu­gehen ins Jenseits.

 

In Gottes Hände übergeben

Ich habe meine Frau in Gottes Hände übergeben. Es ist meine feste Überzeugung, dass sie jetzt nicht einfach „weg“ ist, son­dern bei Gott. Ich spüre sie auch im Alltag. Sie ist immer noch da, aber eben anders als früher. Ich kann mit ihr sprechen und fühle mich nach wie vor innerlich mit ihr verbunden. Natürlich ist das Leben nach ihrem Tod nicht immer einfach für mich. Es gehört auch dazu, dass man trauern und weinen darf. Aber ich lebe in der Gewissheit, dass sie im Himmel – gemein­sam mit unserer bereits verstorbenen Tochter – auf mich wartet.

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4