AM ENDE


 

 

 

 

Von Heimroutinen, Minutenpflege und Arbeitsbelastung – Erfahrungen eines Altenpflegers

 

„Schön, dass DU das machst – aber ich könnte das ja nicht!“ So oder so ähnlich reagieren die meisten, wenn sie hören, was mein Beruf ist: Altenpfleger. Die ersten Assoziationen mit Altenpflege sind: hohe Arbeitsbelastung, schlechte Bezahlung, wenig Freizeit, Schichtdienst, ständige Bereitschaft einzuspringen, keine Zeit für die Patienten und – für viele wohl besonders abschreckend – der direkte Körperkontakt mit Menschen, die hilfebedürftig sind. Menschen, die wir im Alltag fast aus dem Blick verloren haben. Im schlimmsten Fall leben zig Menschen unter einem Dach, in Zwei-Bett-Zimmern ganz krankenhausmäßig mit Fremden zu Lebensgenossen gemacht undhaben einen oft immer gleichen Alltag – fern von ihren Verwandten und vom Rest der Gesellschaft „da draußen“, bis zu ihrem Lebensende.

 

Ist das zu schwarzgemalt?

Aus meiner Erfahrung heraus: nein. Dass Pflege und Geld so eng aneinander gekoppelt sind, ist eine unheilbringende Verbindung. Die erzwungene Wirtschaftlichkeit definiert die Menschen nach Pflegegrad und Krankheitsbild – nicht als Person, mit ihren Stärken und Schwächen. Dadurch dass diese Wirtschaftlichkeit und das Hineinpassen ins Hamsterrad allzu häufig im Vordergrund stehen, wird die Arbeit von Pflegern auch nur in diesem Rahmen verrichtet. Für viele ist es eben ein Job. Und die, die mit Herzblut pflegen, um des Menschen willen, nicht um irgendwie Geld zu verdienen, kommen in diesem System schnell an ihre Grenzen. Wenn man Studien glaubt, hören die meisten Pfleger nach acht Jahren auf, in ihrem Beruf zu arbeiten – ausgebrannt und desillusioniert.

 

Was Kraft gibt

Natürlich gibt es auch Lichtblicke im Heim-Alltag: Angehörige, die liebevoll zu ihren alten Verwandten kommen, und dabei noch ein Dankeschön für die mü- den Angestellten haben. Kollegen, die die Missstände ebenso sehen und in den starren Vorgaben nach Wegen für mehr Menschlichkeit und Individualität suchen. Patienten, die im Heim ganz sie selbst bleiben, von ihrer Vergangenheit erzählen und eine Beziehung aufbauen zu denen, die ihnen da tagtäglich ganz nah kommen.

 

Mein Weg: Ambulant statt stationär pflegen

Für mich selbst blieb nach wenigen Berufsjahren dennoch nur der Weg raus aus dem Heim, hin in die ambulante Pflege. Da hat man zwar immer ein wenig die Uhr im Nacken, aber es ist eine schöne Erfahrung, zu den Menschen nach Hause zu kommen. Dort sind sie zuhause und ich bin der Gast, dort kann ich sie ganz anders kennenlernen. Es macht außerdem einen großen Unterschied, dass ich für einen kurzen Moment in ihren Alltag komme – und dann wieder gehe. Auch ohne mich kommen diese Klienten zurecht: Ich merke, dass sie früh- stücken und sich um ihren Tagesablauf in weiten Stücken allein kümmern, dass sie sich über meinen Besuch freuen und wir uns oft herzlich bis zum Wiedersehen am nächsten Tag verabschieden. Für die An- gehörigen ist es natürlicher, weiterhin „zu Oma“ zu gehen, statt im Pflegeheim vorbeizuschauen, daher ist das Beziehungsnetz, in dem die Klienten leben, oft reicher und die Familie spielt eine größere Rolle. Die Belastung für mich ist eine ganz andere geworden: Zwar bin ich nun viel mit dem Fahrrad in unserem Bezirk unterwegs, und eile von Tür zu Tür, aber die schwere körperliche Arbeit, die ich aus dem Heim kenne, ist nicht mehr mein Aufgabengebiet.

 

Jesus in meinem Gegenüber sehen

Stattdessen kann ich fachlich und konkret helfen, auch wenn es nur kleine Handgriffe oder Organisationshilfen sind. Meine Aufgaben haben sich verschoben und lassen mehr Raum für ein kurzes Gespräch von Mensch zu Mensch. Ein ehrliches „Wie geht es Ihnen heute?“ beantwortet mein Gegenüber dann entweder einsilbig oder nimmt es zum Anlass von heute, aber auch von gestern und von früher zu erzählen. Als Christ ist es mir wichtig, auch und gerade in den Schwachen, Alten und Kranken, Jesus zu suchen und auch zu finden. Mich bewegt sehr das Zeugnis, das Mutter Teresa mit ihrem Leben und Arbeiten hinterlassen hat. Diesen liebevollen Blick möchte ich mir bewahren und im Nächsten nicht einen Pflegegrad statt eines Namens sehen.

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 4