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KLASSE(N)KLIMA



 

 

Eine Schulklasse mit pubertierenden Jugendlichen raubt einer jungen Lehrerin den letzten Nerv – bis sie sich entschließt, neue Wege zu gehen.

 

 

"Mögen Sie uns eigentlich? Wir sind nicht so schlimm, wie Sie vielleicht denken!" Mit diesen Worten legte eine Achtklässlerin zwei voll beschriebene Aufgabenblätter auf das Pult. Ich hatte sie zur Nacharbeit am frühen Nachmittag nach Unterrichtsschluss einbestellt. Wegen wiederholter Störung des Unterrichts. Während ich verlegen nach einer Antwort suchte, schnappte sie ihre Sachen und verließ das Klassenzimmer, gemeinsam mit einer Freundin, die auf sie gewartet hatte.

 

Diese Klasse mögen?

Nein, beim besten Willen nicht! Es war meine erste Anstellung als frisch gebackene Lehramtsassessorin direkt nach dem zweiten Staatsexamen. Planstellen hatte es zu diesem frühen Zeitpunkt im Jahr kaum gegeben. Und so war ich glücklich, zumindest eine Vertretung ergattert zu haben – besser als gar nichts. Die Klasse hatte es in sich. Eine hoch explosive Mischung, die mir den letzten Nerv raubte: Schüler, die sich schwer taten, Regeln zu akzeptieren, besonders von einer so jungen Lehrerin wie mir; Schüler, deren Gewaltpotenzial bereits aktenkundig geworden war; Schülerinnen, die sich ausgiebig der Maniküre ihrer Fingernägel widmeten und lieber die Lovestorys in ihren Zeitschriften studierten als meinem Unterricht zu folgen. Dazu ein Geräuschpegel, der mich bangend fragen ließ, wann ein Kollege aus dem Nachbarzimmer an die Türe klopfen und sich erkundigen würde, ob es nicht auch ein bisschen leiser ginge.

 

Mit anderen Augen sehen

"Mögen Sie uns eigentlich?" Diese Frage überraschte mich. Sie hörte sich ganz anders an als jener Rat, den mir ein Kollege in der Pause zugeraunt hatte: "Bevor die Klasse Sie fertig macht, machen Sie sie fertig!" Ein Hauch von Annäherung klang da mit, der leise Wunsch, mit anderen Augen gesehen zu werden, jenseits aller Disziplinierungsmaßnahmen und Beurteilungen. Ich beschloss diesem Wunsch auf den Grund zu gehen. Ich beendete den Kampf gegen die "Störenfriede", "Quälgeister" und "Nervensägen". Nicht, dass ich Fehlverhalten nicht mehr geahndet hätte. Nein, in diesem Punkt war ich konsequent. Doch ich blieb nicht länger an diesen Etikettierungen kleben. Ich stellte die Schüler bewusst unter den Schutz und Segen Gottes. Ich kämpfte mich durch alle Borstigkeiten hindurch, bis zu der Sehnsucht nach Liebe, die Gott in alle Menschen hineingelegt hat. Damit gewann mein Verhältnis zur Klasse eine andere Qualität.

 

Außerordentlich liebenswert

Es wurde im Klassenzimmer keineswegs so ruhig, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Doch gab es immer mehr Stunden, in denen wir auf eine gute Weise miteinander umgehen und arbeiten konnten. Stunden, in denen ich mein methodisches Repertoire erweiterte, manch wunderlichen Einfall der Schüler humorvoll konterte oder einfach ignorierte. Ihre hartnäckigen wie vergeblichen Versuche, mich mit dem ebenfalls jungen und noch ledigen Mathematiklehrer zu verbandeln, fanden sie nach wie vor zu komisch, um darauf verzichten zu können. Dass ich die Klasse am Schuljahresende auf ihrer mehrtägigen Klassenfahrt begleiten sollte, wäre für mich anfangs undenkbar gewesen.

 

Zum Abschied überreichten mir die Schülerinnen und Schüler eine Karte. Alle hatten unterschrieben. Gerührt über ihren Dank musste ich lachen: Ein mit Pfeil durchbohrtes Herz zusammen mit dem Namen des Mathematiklehrers und meinem Namen prangte groß und fett auf der Innenseite. So waren sie halt. Unverbesserlich, manchmal unausstehlich, aber außerordentlich liebenswert.

 

  



Inhalt
ERLEBTER KLIMAWANDEL?
ICH SEHNE MICH DANACH, BEI DIR ZU SEIN
KLIMAFAKTOR: ZEIT SCHENKEN
KLASSE(N)KLIMA
KONTROLLE IST GUT, VERTRAUEN BESSER
DAS EIGENE GEHEIMNIS ZUR ENTFALTUNG BRINGEN
DIE TALENTE IM KIND ENTDECKEN
EINFACHER LEBEN
AUF WAS KOMMT ES JETZT WIRKLICH AN?
BEWUSST LEBEN
EIN GEEIGNETES KLIMA FÜR INNOVATION
FÜNF SIND NOCH KEIN DUTZEND
KINDER, KÜCHE … UND KARRIERE?
Meditation: Wandlung

  

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