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EIN GEEIGNETES KLIMA FÜR INNOVATION



 

 

Begabtes Entdecken und Fördern mit Impulsen von Jesus von Nazareth und Pater Josef Kentenich. Zu diesem Thema sprach Subregens Dr. M. G. beim Wirtschaftsforum in Oberkirch.

UNSER WEG bringt die wichtigsten Aussagen.

 

 

"Was können Führungskräfte tun, um ein geeignetes Klima für Innovation zu schaffen?" Aus meinem Arbeitsfeld ein Baustein zu diesem Thema:

 

Der Schmuggler

Einsteigen will ich mit einem Gleichnis. Zwischen zwei Ländern, die offenbar noch nicht das Schengener Abkommen unterzeichnet hatten, verlief über einen hohen Gebirgspass eine Grenze. An der Zollstation versah ein gewissenhafter Zöllner seinen Dienst. Täglich kontrollierte er die Fahrzeuge, die die Grenze überquerten. Und täglich kam auf einem Fahrrad ein Mann vorbei, der ihm sehr suspekt vorkam. Bereits seine Kollegen hatten ihn gewarnt, der Mann auf dem Fahrrad wäre ein durchtriebener Schmuggler. Also kontrollierte der Zöllner Tag für Tag den Rucksack, den der Mann mit sich trug, ebenso die Hosentaschen. Jedoch konnte er niemals etwas Unerlaubtes im Rucksack oder in den Hosentaschen finden. So erfolgte die gleiche Prozedur Tag für Tag und Jahr für Jahr.

 

Jahre später, als der Zöllner inzwischen im Ruhestand war, traf er in einer Kneipe den Schmuggler. Wie war das damals, fragte der Zöllner seinen Gegenüber, hast du wirklich geschmuggelt? Ja, antwortete der Schmuggler, Tag für Tag habe ich geschmuggelt. Aber, sagte der Zöllner, ich habe doch gewissenhaft deine Taschen geprüft und nie etwas gefunden. Was hast du denn geschmuggelt? Ganz einfach, antwortete der Schmuggler, geschmuggelt habe ich in diesen Jahren – Fahrräder.

 

Überprüfung meiner Wahrnehmung

Innovation beginnt mit der kritischen Überprüfung meiner Wahrnehmung. Was nehme ich wahr, und was nehme ich nicht wahr? Gerade dann, wenn ich schon lange Jahre im Geschäft bin, kann es sein – bildlich gesprochen – dass ich den Rucksack durchsuche aber das Fahrrad übersehe? Das Fahrrad kann ein Bild sein für das Potenzial, das wir noch nicht entdeckt haben.

 

Ich möchte vor allem der Frage nachgehen: Welches Potenzial steckt möglicherweise in den Mitarbeitern, für die ich Verantwortung trage und wie entfalten wir diese Talente. Inspirieren kann uns dabei das Vorgehen von Jesus von Nazareth und von Pater Josef Kentenich, dem Gründer der Schönstattbewegung.

 

Innovation und Leidenschaft

oder: Welches Fahrrad bringen die Leute mit, für die ich verantwortlich bin? Ein Beispiel: Unter den acht Männern, die 2008 zu Priestern geweiht wurden ist einer, der bereits Wirtschaftsingenieurwesen an der Uni Karlsruhe studiert hat und anschließend zwei Jahre bei der Zentrale der Deutschen Bahn AG als Projektmanager im Bereich Konzernentwicklung gearbeitet hat.

 

Wie nehme ich so jemanden wahr, besser gesagt seine Talente, wenn der von der Deutschen Bahn AG frisch ins Pries terseminar wechselt? Natürlich ist das der Student, der jetzt fünf Jahre Theologie stu dieren muss, Griechisch und Hebräisch lernen muss und so weiter. Aber – das ist auch jemand, der ein hohes Know-how mit - bringt. Ein Know-how, das auch für die Ziele meiner Institution wichtig sein kann. Zum Beispiel im Bereich Selbstorganisation – Zeitmanagement. Das ist eine Grundkompetenz, die ein zukünftiger Priester braucht. Und bei nicht wenigen unserer Studenten fehlt es daran. Also kam der Exmitarbeiter der Deutschen Bahn AG von selbst drauf, und wir haben ihn da - zu ermutigt, seinen Mitstudenten darü ber einen Kurs zu geben. Welche Termin kalen - der eignen sich? Wie führe ich einen Terminkalender? Wie setze ich Prioritäten, Ver - einbarungen mit mir selbst und so weiter?

 

Zwei Dinge passieren da

  • Erstens: Ich bin gefragt
    Der Wirtschaftsingenieur erfährt: Ich werde mit dem, was ich mitbringe, ernst genommen. Ich bin gefragt. Das, was ich kann und das was ich gut kann, wofür ich auch eine gewisse Leidenschaft entwickelt habe, das kann für das Priesterseminar fruchtbar werden. Das schafft Identifikation mit der Institution.
  • Zweitens: Einer von uns hat da was drauf
    Es ist ein Unterschied – nicht nur finanziell –, ob ich für einen Kurs Zeitmanagement einen externen Seminarleiter hole oder das vorhandene Potenzial im Haus nutzen kann. Natürlich holen wir immer wieder auch externe Seminarleiter, keine Frage. Aber in diesem Fall erfahren die anderen Studenten: Einer von uns hat da was drauf. Die Beispiele die kommen, sind aus dem konkreten studentischen Alltag, nahe dran an der Wirklichkeit.

 

Das Potenzial meiner Mitarbeiter wahrnehmen

Kritische Frage: Was weiß ich über das Freizeitengagement meiner Mitarbeiter? Mit welchem Ohr höre ich, wenn jemand zum Beispiel erzählt, dass er leitend tätig ist im Musikverein, im Sportclub, in der kirchlichen Jugendarbeit? Was ist mein Interesse? Achte ich nur darauf, dass der am Montag wieder einigermaßen ausgeschlafen ins Geschäft kommt? Oder frage ich mich auch: Welche Kompetenzen erwirbt mein Mitarbeiter möglicherweise bei seinem Freizeitengagement?

 

Ich war immer wieder erstaunt, Azubis mit 17, 18, 19 Jahren bei uns im Zeltlager zu erleben. Zehn Tage mit 100 jungen Leuten und verantwortlich für eine Gruppe von zehn Kindern. Welche Kompetenzen werden da ausgeprägt: Verantwortungsbewusstsein, Projektmanagement, Belastungsfähigkeit, Vereinbarungen aushandeln und einhalten. Kollegen motivieren zehn Tage leidenschaftlich dabei ...

 

Und wie kann diese Leidenschaft fruchtbar werden, für meine Institution, für meinen Betrieb? Josef Kentenich bringt hier seine Beobachtung auf den Punkt: Da, wo ich ehrlich, authentisch und offen bin für die Werte meines Gegenübers, also für seine Erfahrungen, Kompetenzen, da wird auch mein Gegenüber offen für meine Werte und Visionen – dann besteht die Chance, dass der andere seine Werte auch in den Dienst meiner Visionen stellt.

 

Wahrnehmen bedeutet: Ehrliches Interesse.

Hat es Jesus anders gemacht? Betrachten wir Jesus am Anfang seines Wirkens. Jesus sucht Mitarbeiter, Menschen für seine Mission. Zwölf wählt er aus. Aber nicht irgendwen – es sind Fischer. Warum Fischer? Warum nicht zum Beispiel – Theologen?

 

Welche Fischer habe ich im Boot?

Vor einigen Jahren haben sich Fischer aus Brasilien diese Frage gestellt: Warum hat Jesus Fischer ausgewählt als Träger seiner Bewegung? Die Antwort dieser Fischer – für uns Theologen verblüffend: Fischer, so die brasilianischen Fischer – Fischer haben ein klares Ziel: Fischfang, die Netze voll und damit die Familien zuhause ernährt. Aber: Fischer sind es gewohnt, immer wieder andere und neue Wege zu ihrem Ziel zu finden. Die Strömungen des Sees, die Witterung, die Jahreszeit zu beachten. Sie wissen: Wenn ich die Fische fangen will, muss ich bereit sein, neu nach ihnen zu suchen. Mit einem klaren Ziel vor Augen und der Motivation, immer wieder neue Wege zu finden, und mit der Bereitschaft, immer wieder neu anzusetzen.

 

Bring dein Know-How, bring deine Leidenschaft

Genau das ist die Kompetenz, die Jesus braucht. Denn mit der Leidenschaft, mit der sie zuvor auf dem See Genezareth gefischt haben, verkünden sie jetzt das Evangelium, in Kleinasien, in Rom, in Indien und sonst wo. Und Jesus bringt diesen Vorgang ins Wort. Er spricht vom Menschenfischer – ein Wort, das er prägt, das es vor ihm nicht gibt: Menschenfischer und die Botschaft: Bring dein Know-how, bring deine Leidenschaft ein und mach Dir meine Vision zu eigen. Du bist gefragt.

 

Hinter dem, was die brasilianischen Fischer da entdeckt haben, steckt für mich als Theologe noch eine weitere Botschaft: Damit ich die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit der Bibel richtig wahrnehme, ist es wichtig, ab und zu die Fischer zu fragen. Die entdecken Dimensionen, die mir sonst entgangen wären.

 

Veränderungen – Chancen für ein Update

Konkret heißt das für mich: Wir stecken gerade als Priesterseminar in einem Fusionsprozess: Was vorher zwei Einrichtungen waren, für verschiedene Ausbildungsphasen, ist jetzt unter einem Dach. Das bedeutet auch Veränderungen im Ausbildungskonzept, Chancen für ein Update auf dem Hintergrund dessen, was heute wichtig ist. Für uns als Leitungsteam – wir sind zu fünft – ist es selbstverständlich, dass wir da externe Berater haben. Wir lassen uns Fragen stellen, die manchmal ungewohnt oder auch unbequem sind. Wir lassen Außenstehende unsere Institution und – nicht zuletzt auch unser Leitungsteam – beobachten. Klar ist: Die Entscheidungen treffen wir selbst, die können wir nicht an die Berater delegieren. Aber die Entscheidungen fallen – natürlich auch im Rahmen der uns von oben vorgegebenen Entscheidungsfreiheit – auch auf dem Hintergrund der erweiterten Wahrnehmung. Da geht es oft um Nuancen, um Details, sowohl bei der Wahrnehmung als auch bei der Entscheidung. Nuancen, die aber sehr prägend sein können.

 

Investieren in meinen Mitarbeiter

Schauen wir noch einmal auf den Schmuggler mit seinem Fahrrad. Sehen wir darin unsere jeweilige Institution, unseren Betrieb. Notwendig ist ein gutes Gepäck, unsere Firmentradition, unser Know-how, auch unser Kapital. Notwendig ist ein gutes Fahrrad, eine Methodik, ein Konzept mit dem wir vorankommen in die Zukunft. Von zentraler Bedeutung aber scheint mir die Investition in den, der auf dem Fahrrad sitzt, die Investition in meinen Mitarbeiter und vor allem in seine Motivation. Wir in unseren Einrichtungen, in unserem Land, wir brauchen Leute, die die Kraft und die Motivation haben, die Passstraße nach oben zu radeln. Die sich nicht abhalten lassen von Bedenken und von der Frage, welcher Zöllner da oben auf sie wartet. Und: wir müssen bereit sein, mitzuradeln.

 

 

 



Inhalt
ERLEBTER KLIMAWANDEL?
ICH SEHNE MICH DANACH, BEI DIR ZU SEIN
KLIMAFAKTOR: ZEIT SCHENKEN
KLASSE(N)KLIMA
KONTROLLE IST GUT, VERTRAUEN BESSER
DAS EIGENE GEHEIMNIS ZUR ENTFALTUNG BRINGEN
DIE TALENTE IM KIND ENTDECKEN
EINFACHER LEBEN
AUF WAS KOMMT ES JETZT WIRKLICH AN?
BEWUSST LEBEN
EIN GEEIGNETES KLIMA FÜR INNOVATION
FÜNF SIND NOCH KEIN DUTZEND
KINDER, KÜCHE … UND KARRIERE?
Meditation: Wandlung

  

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