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FÜNF SIND NOCH KEIN DUTZEND



 

 

Begeisterung kann anstecken. Auch die Begeisterung für die eigene Familie. Familie R. hat fünf Kinder und erzählt aus ihrem Alltag mit allen Sorgen und Nöten, aber eben auch mit der Begeisterung, die Leben verändert und neues Klima schafft.

 

 

Kinderreich?

Sind wir das überhaupt? Da denke ich sofort an einen Urlaub, als an der Ferienwohnung neben uns ein ziemlich großer Bus vorgefahren kam und ein bärtiger Mann viele Räder, Schaufeln und Kisten ausgeladen hat. Unüberschaubar viele Kinder waren dabei, wie sich herausstellte neun an der Zahl. Und so diszipliniert! Ein Pfi ff genügte und ohne Maulen beendeten alle das spannendste Spiel.

 

Um jedem Mitleid vorzubeugen, wir haben es nicht anders gewollt und uns sehenden Auges in dieses Wagnis gestürzt. In unserem kleinen Dorf hat unser Lebensplan inzwischen für einen regelrechten Babyboom gesorgt, eine Tatsache, auf die ich doch ein bisschen stolz bin. Mit dem vierten Kind schwanger, wurde ich noch beim Bäcker von sehr netten älteren Damen voll Mitgefühl angesprochen. Bei der fünften Schwangerschaft wurden wir als besonders mutig angesehen und nach der Geburt schenkte uns der Schulleiter meines Mannes eine englische Ausgabe des Buches "Im Dutzend billiger" und äußerte seine Hoffnung, dass noch weitere Kinder folgen mögen. Inzwischen gibt es in unserem idyllischen Dörfchen jede Menge Familien mit drei oder vier Kindern und bei unserer Nachbarin ist schon Nummer sechs unterwegs. Der Kindergarten freut sich, und es herrscht eine kinderfreundliche Stimmung. Jedes Kind wird willkommen geheißen und wohlwollend aufgenommen. Das Klima hat sich gewandelt.

 

Verantwortungslos?

Natürlich gibt es auch andere Stimmen, die anmerken, dass es verantwortungslos ist, Kinder in diese Welt zu setzen. Mich lassen diese Überlegungen nicht kalt, und ich schaudere manchmal vor den Merkmalen und Entwicklungen in unserer Gesellschaft. Ich weiß nicht ,wohin uns alle die Strömungen treiben und ich halte viele Errungenschaften für äußerst fragwürdig und menschenverachtend. Andererseits geht es uns hier in Deutschland gut wie nie und letztendlich hab ich das große Ganze gar nicht in der Hand. Da gibt es größere, stärkere Hände und auf diese vertraue ich und lege ihnen auch meine Kinder ans Herz.

 

Es fällt auf, dass eine Kinderzahl über der Norm niemanden kalt lässt. Die Kommentare umfassen die ganze Bandbreite von Begeisterung über Unverständnis bis zu der unverhohlenen, wenn auch versteckten Annahme, dass wir nicht alle Tassen im Schrank hätten. Die häufigste Reaktion ist eine halb bewundernd, halb ungläubige Nachfrage, wie wir das alles bewältigen können. Nun, man wächst mit den Anforderungen und fünf Kinder fallen ja nicht einfach auf einmal vom Himmel.

 

Reich beschenkt

Aber wir fühlen uns durch jedes unserer Kinder überreich beschenkt. Apropos reich beschenkt – was kostet das alles? Wer kann sich denn heute noch Kinder leisten? Gute Frage, manchmal wird es durchaus ziemlich knapp und sieben Menschen brauchen auch einen entsprechenden Wohnraum. Wir müssen genau zählen und besprechen auch offen mit den Kindern unsere Einschränkungen. Kinder kosten Geld. Besonderer Luxus ist nicht möglich, keine Flugreisen, kein zweites Auto, keine Skiurlaube und dennoch sind wir nicht besonders sparsam, umgeben uns bewusst mit schönen Dingen, kaufen wenig Fleisch aber beim Metzger unseres Vertrauens, achten auf Qualität. Meine Schwäche sind Kinder- und Jugendbücher und praktischerweise hat immer ein Kind Geburtstag, das ich mit meinen Neuerwerbungen beglücken kann. Aber wie viele schöne, innige Vorlesestunden hat uns dies auch schon beschert. Auch an guten DVDs sparen wir nicht, dafür haben wir keinen Fernseher und wissen genau was die Kinder schauen.

 

Gemeinsam

Viele Kinder machen viel Arbeit. Meine Todo-Liste ist schier endlos, und ich arbeite mich mal mit mehr oder weniger Freude durch, aber eigentlich mache ich meine Arbeit gerne und kann auch der Hausarbeit meditative Momente nicht absprechen. Außerdem bereitet es mir Freude, die täglichen Abläufe möglichst durchdacht zu organisieren. Und ich mache es nicht allein. Ohne meinen Mann ginge nichts. Jeder tut das seine nach seinen Stärken und Vorlieben. Außerdem hat mein Mann natürlich auch noch seiner Erwerbsarbeit als Gymnasiallehrer nachzugehen. Infolge dessen weiß ich ganz genau, wo er jeden Abend von Sonntag bis Donnerstag anzutreffen ist und kann meine Abendtermine dementsprechend legen. Diese Aufteilung passt gut zu uns, können wir doch die meisten Nachmittage gemeinsam bewältigen.

 

Erfüllung?

Wo bleibe ich dabei, wo bleibt meine Erfüllung als arbeitende Mutter, wo die Auszahlung der teuren Investition in mein Studium? Die berühmte Partyfrage, was ich denn so mache. "Ach so, fünf Kinder, das ist ja mutig, na da können sie natürlich nicht arbeiten". Ich weiß, ich weiß, der Wert einer Arbeit kann nicht auf dem Gehaltskonto abgelesen werden, ich arbeite genug, wem muss ich was beweisen? Dennoch nagt ein Zweifel, unser Lebensmodell gilt als spießig, altbacken, bieder oder einfach dumm. Jeder Mensch definiert sich doch über seine Arbeit, bekommt so Erfüllung und Lohn. Dass ich einmal bei Berufsbezeichnung Hausfrau oder schicker noch Familienfrau angeben würde, hätte ich mir vor zwölf Jahren nicht träumen lassen. Alle Mütter arbeiten, und sei es noch so ein kleiner Nebenjob, wenige Stunden, egal, oder sie handeln wenigstens bei eBay. Und ich?

 

Mutter mit fünf Kindern, Hausfrau, Familienmanagerin, aktiv in Ehrenamt und Gemeinde – ein Auslaufmodell, fast antiquiert. Wer steckt denn seine Kinder heutzutage erst mit drei Jahren in den Kindergarten und dann auch nur vormittags.

 

Erfüllung!

Dennoch, ich genieße das Leben, wie es ist: die täglichen Wege zu Fuß, die Zeit lassen zum Zusammensein und zum Beobachten. Die Zeit, die ich mir täglich zum Lesen nehme, die Zeit die wir für Freundschaften und Familienbeziehungen aufbringen, Zeit für unsere Partnerschaft und das gegenseitige Schenken regelmäßiger Auszeiten von der Familie um beispielsweise Hobbys zu pflegen und viel, viel Zeit für die Kinder. Meist brauchen sie uns ja gar nicht, sondern können ausdauernd in ihren wundervollen Phantasiewelten spielen. Aber ich bin da. Es können immer befreundete Kinder zu Besuch kommen, Tränen getrocknet, Seelenschmerzen erzählt, Termine geklärt und abgesprochen werden. Kommen die Kinder von der Schule nach Hause, freuen sie sich auf das gemeinsame Mittagessen. Anschließend ist immer eine wichtige Zeit für meinen Mann und mich, wir trinken einen Espresso, reden miteinander und gönnen uns ein bewusstes Innehalten in dem Trubel des Alltags. Ganz oft reden wir dabei auch über unsere Kinder, erzählen uns gegenseitig die neuesten Anekdoten oder Begebenheiten und können es dabei deutlich spüren, das erfüllende Glück, diese Handvoll Kinder begleiten zu dürfen.

 

Dank

Wir sind keine naiven Traumtänzer und wir kennen Geschwisterstreit, Sorgen um die Gesundheit der Kinder, Krankheit, Probleme, Unstimmigkeiten, Ärger, Unglück, all die Farben und Dimensionen des menschlichen Lebens. Und doch, welch ein unendliches Glück schenken uns unsere Kinder. Wir begleiten ihre Wege voll Interesse, stützen wo nötig, bestaunen aber auch andächtig diese Wunder des Lebens, die sich da voll Kraft vor unseren Augen entfalten. Meine Ururoma hatte zwölf Kinder, acht davon haben ein langes, arbeitsreiches Leben erlebt und diese Geschichte hat mich immer fasziniert. Ich kann sehr gut allein sein und brauche auch immer wieder Momente nur für mich, aber ich liebe auch die vielfältigen Verflechtungen und Inspirationen von lebendigen Familienbanden. Und mit jedem Kind durften wir neu erleben, wie die Liebe wächst, sich vermehrt und weiterschenkt.

 

Nun verabschiedet sich dieser Tag und ich schick ein Dankgebet nach oben wie so oft, wenn ich das Gute sehe, das unser Leben trägt. Ein erfülltes, arbeitsreiches, gutes Leben ist uns geschenkt und wir versuchen dem mit Glaube, Hoffnung und Liebe zu begegnen.

 

 



Inhalt
ERLEBTER KLIMAWANDEL?
ICH SEHNE MICH DANACH, BEI DIR ZU SEIN
KLIMAFAKTOR: ZEIT SCHENKEN
KLASSE(N)KLIMA
KONTROLLE IST GUT, VERTRAUEN BESSER
DAS EIGENE GEHEIMNIS ZUR ENTFALTUNG BRINGEN
DIE TALENTE IM KIND ENTDECKEN
EINFACHER LEBEN
AUF WAS KOMMT ES JETZT WIRKLICH AN?
BEWUSST LEBEN
EIN GEEIGNETES KLIMA FÜR INNOVATION
FÜNF SIND NOCH KEIN DUTZEND
KINDER, KÜCHE … UND KARRIERE?
Meditation: Wandlung

  

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