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VORSICHT GESPRÄCH!



 

 

Es klingt so einfach: Wir können alles miteinander besprechen, wir verstehen uns. Wunderbar, wenn ein Ehepaar das von sich behaupten kann. Wir sind noch dabei, die verschiedenen Sprachen zwischen uns zu erlernen und dabei die Abgründe zwischen uns manchmal durch höher steigen, manchmal durch tiefer gehen zu überwinden.

 

 

Nur sieben Minuten Gespräch

Er:

Die meisten Ehepaare reden am Tag im Schnitt sieben Minuten miteinander. Als wir vor Jahren, noch vor unserer Heirat, von dieser Statistik gehört hatten, waren wir empört: "Wie kann man so nur miteinander leben! Das passiert uns nicht", dachten wir, "wir wissen es ja besser".

 

Sie:

Als mein Mann und ich uns nach zweieinhalb Jahren Freundschaft das Jawort gaben, waren wir beflügelt und ermutigt von dem Vorsatz, über alles zu reden, was zwischen uns stehen könnte. Auf keinen Fall wollte ich eine Ehe führen wie meine Eltern, in der die Mauern des Schweigens zuletzt fast unüberwindlich geworden waren. Und wir waren guten Mutes, dass uns das gelingen würde.

 

Über alles reden können?

Sie:

Es folgte eine schwierige Zeit, bestimmt durch Unsicherheit und hohe Anforderungen im Beruf. Für das Gespräch miteinander blieben wenig Zeit und Kraft. Ich erinnere mich noch gut an unseren ersten Hochzeitstag, der im Vorhinein mit so viel froher Erwartung belegt war, dann aber eher Bitterkeit in mir hervorbrachte – ich wusste nicht einmal worüber und weshalb, konnte es nicht in Worte fassen. Mein Mann war hilflos, fühlte sich schuldig. Ein Muster, das sich in unserem gemeinsamen Leben immer wieder einmal abzeichnete.

 

Er:

Im Laufe der Jahre – Beruf und Kinder ließen unseren Alltag nicht gerade leichter und freier werden – machten wir die Erfahrung, dass wir eben nicht so einfach über alles reden können. Es gab Situationen, in denen jedes Wort Gräben riss, jede Bemerkung, war sie auch noch so vorsichtig geäußert, eine Mauer aus Abwehr und Schuldgefühlen zwischen uns errichtete.

 

Wir werden es schaffen

Er:

Zunächst einmal machte diese Erfahrung hilflos. Es schien dann keinen Ausweg zu geben. So einfach alles miteinander besprechen – so unbestreitbar richtig das war –, aber es war offensichtlich nicht genug, das allein funktionierte nicht. Das Schweigen, das in diesen Situationen entstand, lastete schwer auf uns. In diesen Momenten half nur das Wissen, dass Gott uns zueinander geführt hat, dass wir aneinander lernen und wachsen sollen. Er traute es uns zu und er würde nicht zulassen, dass wir in unserer Entwicklung stehen blieben.

 

Sie:

Etwas ließ mich zuversichtlich sein: "Dies ist nur eine Phase. Wir stehen jetzt davor und wissen erst einmal nicht weiter. Es kann lange dauern, bis wir auf dem Weg zueinander weiterkommen, aber wir werden es schaffen."

 

In einem Beziehungsratgeber las ich kürzlich den entlastenden Satz: "Der Mangel in der Beziehung führt dazu, dass Kräfte frei werden können." Wir haben das selbst erfahren, dass mitten im tiefsten Unverständnis die Liebe wieder spürbar wird, dass wir uns aus ganzem Herzen umarmen und den Schmerz des anderen als unseren eigenen spüren können.

 

Verschiedenartigkeit wahrnehmen

Sie:

Wir wollten doch beiden dasselbe: eine tiefe, innige Beziehung zueinander. Warum konnten wir uns nicht über eine gemeinsame Sprache einigen? Dass das Gespräch dazu gehört, darüber waren wir uns nach wie vor einig, aber wir spürten, wie sehr es auf beiden Seiten mit Erwartungen und Ängsten überfrachtet war. Zunächst war es wichtig, erst einmal unsere Verschiedenartigkeit wahrzunehmen. Ich für meinen Teil bin nicht sehr gesprächig, aber wenn ich anfange zu reden, dann hole ich meist weit aus und grabe tief. Verborgenes, zuvor nie Gedachtes kommt als Problem an die Oberfläche – ich verarbeite, indem ich rede, meist im Monolog. Danach fühle ich mich entspannt. Ich habe das Problem noch im Kopf, aber die belastenden Gefühle sind durch das Aussprechen regelrecht aus mir heraus geschwemmt worden. Für mich verliert ein Problem seinen Schrecken, sobald ich es in Worte gefasst und damit erfasst habe. Dann kann ich es angehen, und dazu brauche ich kein Gespräch mehr. Ich wünsche mir, dass mein Mann mich kennen lernt durch das, was ich rede.

 

Für meinen Mann hat Gespräch einen ganz anderen Stellenwert: Für ihn fangen die Probleme mit dem Aussprechen erst an. Er ist einer, der die wirklichen Probleme seines Lebens still und tapfer erträgt und sich eher in wortreicher Aufregung über die alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens abreagiert. Aus seiner Sicht verhindern meine "Problemgespräche", dass wir uns auf anderer Ebene begegnen können. Im Gespräch fühlt er sich unter Druck gesetzt, mir Lösungen bieten zu müssen. Er hat das Gefühl, dass ich durch die Worte, die ich wie Bauklötze vor ihm auftürme, meilenweit von ihm entfernt bin. All die Jahre haben wir diese unsere Verschiedenartigkeit nur diffus wahrgenommen und uns ohnmächtig darein gefügt.

 

Gespräch und Zuwendung

Er:

Heute wissen wir, dass wir beide "recht" haben. Beide haben wir mit unseren unzulänglichen Mitteln versucht, den Mangel unserer einseitigen Form der Begegnung auszugleichen.

 

Sie:

Beide sind wir in unserer Sicht der Dinge verharrt, haben uns dem anderen unwissentlich nur halb geschenkt, um uns dann zu wundern, dass ihm noch etwas fehlt. Heute wird uns klar, dass es kein wirkliches Gespräch – Aussprechen und Verstehen – geben kann ohne diese beiden Pole: wirkliche Gesprächsbereitschaft ebenso wie nonverbale Zeichen der Zuwendung, die dem Gegenüber sagen: "Ich liebe und achte dich und bin auf deiner Seite, auch wenn meine Worte dich bedrücken und dir Angst machen." Wir haben verstanden: Unsere Körpersprache und unser Gespräch, sie fördern und erfordern sich gegenseitig. Wenn ich den "sprachlosen" Zugang zum Herzen meines Mannes suche, spüre ich, wie meine Worte nachlassen, wie mein Reden leichter und gleichzeitig bedeutungsvoller wird.

 

Wenn ich nach der Zuneigung in meinem Herzen suche, und sei sie auch manchmal kaum spürbar, und sie meinem Mann zeige, sei es auch durch eine noch so kleine Geste, dann merke ich, wie er sich für unser Gespräch öffnet, dann kann ich alles sagen. Ich kann aber auch "nur" über kleine Dinge im Hier und Jetzt sprechen und mich trotzdem in der Tiefe verstanden wissen. Mit meinem Herzen kann ich hinter die "kleinen" Alltagsprobleme meines Mannes blicken und verstehen lernen, worum es ihm geht. Wir haben die Vision, dass wir immer besser lernen, so miteinander zu sprechen, dass unsere Augen und Arme das ergänzen, was unsere Worte eigentlich meinen.

 

 

 



Inhalt
WO DER ALMRAUSCH BLÜHT
VORSICHT GESPRÄCH!
WAS HÄLT UNSERE EHE ZUSAMMEN?
WIEDER MAL BEZIEHUNGSSTRESS?
DICH NEU ENTDECKEN
NICHTS KANN UNS STOPPEN
„MITTEN DRIN“ – EIN INTERVIEW
DER SCHMALE WEG ZUR INNEREN FREIHEIT
„... DASS SIE SICH NICHT SO ALLEIN GELASSEN FÜHLT“
PERSÖNLICHE BEGLEITUNG
DER ERSTE FREUND
IN FREIHEIT SPRINGEN
BEI ALLEN UNARTEN AN DAS GUTE GLAUBEN
ICH GLAUBE AN DICH! WAS EIN VATER BEDEUTEN KANN
ERINNERUNGEN SÄEN
Meditation: tiefer gehen – höher steigen

  

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