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ERINNERUNGEN SÄEN



 

 

Tiziano Terzani, Schriftsteller und Journalist, setzt sich am Ende seines Lebens mit seinem Sohn Folco zusammen, um zurückzublicken und bewusst Abschied zu nehmen. Auch seine Rolle und seine Aufgaben und Erwartungen als Vater waren Thema. Ein Ausschnitt.

 

 

FOLCO:

Also gut. Es gibt etwas, Papa, was ich einen alten Menschen schon immer mal fragen wollte. Am Ende eines langen Lebens, in dem man so viel gesehen hat, was hat man da gelernt?

 

TIZIANO:

(...) Wenn du mich fragst, was ich am Ende hinterlasse, würde ich sagen, ein Buch, das manch einem vielleicht hilft, besser mit der Welt zurecht zu kommen, sein Leben mehr zu genießen und sich in einem größeren Zusammenhang zu sehen, wie ich es jetzt so stark empfinde. Und außerdem hinterlasse ich ein paar Erinnerungen in Menschen wie dir und Saskia. Für mich hieß Vatersein nicht, "Kille-kille-kille!" zu machen, zusammen ins Schwimmbad zu gehen oder Fußball zu spielen. Für mich hieß es, Erinnerungen zu säen, Erfahrungen, Gerüche, und euch eine Vorstellung von Schönheit und Größe zu vermitteln, die euch im Leben weiterhelfen würde. Deswegen habe ich euch ja so oft irgendwohin mitgenommen. Doch den Anspruch, mehr zu sein als jemand, der Erinnerungen sät, hatte ich nie.

 

FOLCO:

Und was hast du dir von uns erwartet?

 

TIZIANO:

Die Erwartungen eines Vaters können eine schwere Bürde sein. Man muss seinen Kindern schon ihre Freiheit lassen. Weißt du, eins ist mir immer klar gewesen: dass ich, der ich jetzt kaum noch die Kraft habe, meinen Namen zu hauchen, als Vater einen gewaltigen Schatten geworfen habe. Mein Gott, einen Meter sechsundachtzig groß, immer in vorderster Reihe, mit meinen feinen weißen Kleidern, immer auf dem Posten, immer sympathisch, witzig und schlagfertig. Von all dem hast du dich zurückgezogen. Mit meiner ganzen Art bin ich eine harte Nuss für dich gewesen, was?

 

Doch weißt du, schon bald bin ich zu einer einfachen Schlussfolgerung gelangt. Es bringt nichts, sich groß den Kopf darüber zu zerbrechen und psychoanalytische Kommentare zu wälzen. Wäre ich ein Waschlappen gewesen, ein Angsthase und Nichtskönner, hättest du später geklagt: "War der ein Waschlappen! Nichts hat er mir beigebracht, nie ist er mir ein Vorbild gewesen!" Mit einem starken, harten Vater wie mir hingegen konntest du sagen: "Mein Gott, er hat mich immer fast erdrückt!"

 

Ich war ich und du warst du, damit hieß es sich zu arrangieren. Du hast einen dominanten Vater? Gut, sieh zu, wie du damit klarkommst. Und du hast ja durchaus deine Strategien entwickelt, nicht? Meine Güte, hast du mir manchmal zu schaffen gemacht... Nie werde ich den Tag vergessen, an dem ich in China einen meiner schönsten Teppiche gekauft hatte: einen kleinen, gelben tibetischen, an dem mir wirklich viel lag. Ich hatte ihn gewaschen und zum Trocknen aufgehängt und dich kurz darauf wegen irgendetwas ausgeschimpft. Fünf Minuten später sah ich dich den Teppich durchs Haus zerren und schließlich aus dem Fenster werfen! (Wir lachen.)

 

FOLCO:

Jeder reagiert eben auf seine Art.

 

TIZIANO:

Wenn du mich fragst, was ich mir als Vater für dich oder Saskia gewünscht habe, kann ich heute, glaube ich, ehrlich sagen, dass ich nichts Besonderes für euch im Sinn hatte. Weder besaß ich eine Anwaltskanzlei und träumte davon, dass ihr Jura studiertet, noch war ich Arzt und hoffte, eines Tages würdet ihr meine Praxis übernehmen. Manchmal magst du den Eindruck gehabt haben, ich wolle dich zum Journalismus drängen, doch das stimmt nicht. Schließlich wird man nicht geboren, um Journalist, Ingenieur oder Straßenbahnfahrer zu werden. (...)

 

Wenn ich mich also frage, was ich für dich erträumt habe, ist die Antwort ganz einfach: Ich wollte vor allem, dass du frei bist. Das war mir wirklich wichtig, und ich habe dafür eine verschrobene, simple und, wie soll ich sagen, auch etwas machohafte Formel gefunden ... Ich hatte das Gefühl, du als mein Sohn, als Mann, könntest frei sein, aber nicht glücklich, denn Freiheit und Glück gehen niemals Hand in Hand. Saskia hingegen, die mir in vieler Hinsicht so viel ähnlicher ist, mit ihrer Sorgfalt und ihrem Pflichtbewusstsein, wünschte ich, sie möge glücklich sein, denn frei, das wusste ich, würde sie nie sein. Eine Frau, die heiratet und Kinder bekommt, ist einfach nie so frei, wie ich es gewesen bin und wie es auch dir schließlich gelungen ist. Das war das Einzige, was ich für euch erhofft habe. Und alles, was ich euch habe lernen und studieren lassen und wofür ich teuer und manchmal auch überflüssigerweise bezahlt habe, diente nicht primär dem Ziel, euch auf einen Beruf vorzubereiten, sondern euch zu bilden.

 

 

 

 



Inhalt
WO DER ALMRAUSCH BLÜHT
VORSICHT GESPRÄCH!
WAS HÄLT UNSERE EHE ZUSAMMEN?
WIEDER MAL BEZIEHUNGSSTRESS?
DICH NEU ENTDECKEN
NICHTS KANN UNS STOPPEN
„MITTEN DRIN“ – EIN INTERVIEW
DER SCHMALE WEG ZUR INNEREN FREIHEIT
„... DASS SIE SICH NICHT SO ALLEIN GELASSEN FÜHLT“
PERSÖNLICHE BEGLEITUNG
DER ERSTE FREUND
IN FREIHEIT SPRINGEN
BEI ALLEN UNARTEN AN DAS GUTE GLAUBEN
ICH GLAUBE AN DICH! WAS EIN VATER BEDEUTEN KANN
ERINNERUNGEN SÄEN
Meditation: tiefer gehen – höher steigen

  

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